Kunst ist immer

Entgegen der dominanten Mode der westlichen Nachkriegskunst begann Johannes Grützke in den 60er Jahren als figurativer Maler. Genauso wie, und vielleicht sogar noch mehr als in den Niederlanden, wurde vom „progressiven“ Künstler in Deutschland erwartet, Stellung zu nehmen, auf die Barrikaden zu gehen, und vorzugsweise politisch Stellung zu nehmen. Grützke weigerte sich jedoch, sich an die herrschenden Gepflogenheiten der künstlerischen Avantgarde anzupassen. Für ihn gab es keine abstrakte oder konzeptuelle Kunst. Er entschied sich für das Ewige des Realismus. „Kunst ist nicht modern, Kunst ist immer“, so Grützke. Als Außenstehender bleibt er lieber ein Betrachter, wenn auch von einer anarchistischen Art.

Johannes Grützke, Monument der Tröstungen, 1971

Grützkes Pinsel wirkt gnadenlos

Grützkes Pinsel wirkt gnadenlos, ist aber niemals grausam. Sein dramatisches und burleskes Körpertheater im Großformat verrät Mitgefühl mit der Menschheit. Seine Gemälde werden von nackten Frauen und unbeholfenen Männern in unmöglichen barocken Posen bevölkert. Oft sind es Gruppenporträts, eine Art moderne Historienstücke, in die der Künstler auch selbst hineinspaziert. In Grützkes Sittengemälden spielen alle Personen eine Rolle. Er liefert ironische Kommentare zu kollektiven Neurosen, Frauenpower, Gruppenzwang und dem Mann als einsames, aber herrlich unwissendes Wesen.

Johannes Grützke, Einsiedler, 1979

Technische Virtuosität

Seine technische Virtuosität macht ihn mit den Haarlemer Manieristen des 17. Jahrhunderts und den Alten Meistern Tizian und Caravaggio verwandt. Beeinflusst wurde er natürlich auch von Otto Dix und Egon Schiele. Grützkes Entwicklung von stark figurativ bis hin zu expressiv gab ihm zudem den Ruf des „deutschen Lucian Freud“. Berühmt wurde Grützke in Deutschland mit seinem 1991 vollendeten 32 Meter langen Wandbild Der Zug der Volksvertreter (eine Prozession allegorischer Figuren) in der Frankfurter Paulskirche.

Seine große Berühmtheit hat dieser Einzelgänger erst spät erworben. Sein Werk wurde vor allem von Privatleuten und kaum von großen Museen gesammelt . „Der Pinsel hat gesprochen“ ist die erste große museale Einzelausstellung des phänomenalen Johannes Grützke außerhalb Deutschlands.

Johannes Grützke, Der Lanzenstich, 1982, Berlinische Galerie

60 Gemälde

Ausstellung: Zu sehen sind über 60 monumentale und kleinere Gemälde von Johannes Grützke aus Privatsammlungen, der Berlinischen Galerie und der Städtischen Galerie Wolfsburg. Außerdem erscheint eine Monografie.

Johannes Grützke, In Betrachtung des Gänsekopfes, 2011

Fundatie in Zwolle

Doppelt-Deutsch Das Holländische Museum de Fundatie in Zwolle (50 km entfernt von Museum MORE) zeigt in der gleichen Zeit Grützkes DDR-Pendant Werner Tübke (1929-2004). Tübke wurde vor allem durch das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen.

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